das Museum der Zukunft ist ein Museum, das radikal kontemporär ist

12. Januar 2020

Zukunft fühlt sich an wie absolute Gegenwart. Eine Gegenwart, die aufgeladen ist mit starker Emotion, so wie Liebe, und entblättert von allem Unwichtigen. Sie hat keine Worte, sie spielt sich vor den Worten und vor den Begriffen ab, sie ist unkommentiert und trifft dich unmittelbar. Zukunft braucht keine Medien. Wenn sie ein Medium bräuchte oder hätte, wäre sie Gegenwart. Ihre Oberfläche ist matt, wie Samt, glatt und angenehm temperiert, sowie vollkommen intakt (denk an den Einband eines nagelneuen Paperbacks). Die Zukunft macht keine Versprechungen, sie ist einfach da, geduldig, dabei dehnt sie die Zeit und lässt Uhren in die Irre gehen. Sie ist verbindlich wie das Wort eines Freundes. Zukunft ist wahr und zweckmäßig wie ein Boot aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt.

So kommt die Zukunft als Emotion in unser Leben. Plötzlich und unvermittelt macht sie sich in der Gegenwart breit. Ich erinnere mich an drei Momente, in denen ich das erlebt habe. Einmal in einer Kunst-Ausstellung, einmal in einer Diskothek und schliesslich auf Besuch in einer fremden Wohnung. Dort auf dem weiß gestrichenen und etwas abgeblätterten Dielenboden lag ein iPod, der erste, der mir begegnete, und er lieferte die Musik für eine Unterhaltung. In der Kunst-Ausstellung traf ich auf Zukunft zwischen Klang-Objekten, die elektromechanisch betrieben waren, orgelpfeifen-artig. Immateriell erschien die Zukunft dann in der Diskothek, unter der Erde: Was man gemeinsam erreichen könnte, wenn man es anpackt, war dort plötzlich zum Greifen nah.

Es ist nicht möglich, sich Zukunft auszudenken und sie dann in Museen oder auf Weltausstellungen zu zeigen. Es ist eher so, dass die Zukunft uns findet, wenn wir in einer intensiven Gegenwart unterwegs sind.

Zweimal habe ich es bisher geschafft, Zukunft selbst zu machen. Das erstemal mit dem Venezia Projekt, und dann noch einmal mit ICH KANN! Beide Male waren wir (Zukunft ist gesellig) so intensiv in der Gegenwart, dass sie zur Zukunft wurde. Beide Male blieb die Uhr stehen und floß ein breiter Strom von Zukunft in meine Richtung, und dieser Strom verband alle Beteiligten. Dieser Strom ist auch bis heute nie ganz versiegt, er kann nicht versiegen. Wenn es gelingt, ihn anzuzapfen, dann ist das ein glücklicher Moment für ein Projekt.

Etwas aus der Zukunft zu machen, oder für die Zukunft, erfordert, dass man an einer ganz besonders guten Gegenwart arbeitet. Gute Gespräche, gute Umgebung. Umgebung, die gut ist für Gespräche zwischen Leuten, die dafür brennen und das lieben, was sie tun. Gute Gegenwart bedeutet auch, dass jeder handeln kann und loslegen, mit Ideen die zu Taten werden und die sich materialisieren. DIY und Tinkering als gesellschaftliche Trends stehen für die Sehnsucht und für die Bereitschaft, von der Zukunft gefunden zu werden. Und dann etwas zu tun, das Merkmale des Zukünftigen trägt.

Es gibt im Moment einen Zukunftsschub für Museen. Nicht nur das 2020 eröffnende Deutsche Museum in Nürnberg nennt sich Zukunftsmuseum, auch ein atemberaubendes Projekt in Dubai und die Metamorphose des Museum of American History in Washingten nimmt die Zukunft für sich in Anspruch. Gleichzeitig ruft das Fraunhofer IAT in Stuttgart zusammen mit einem Wiener Beratungsunternehmen zur Initiative Future Museum auf – neue Technologien machen demnach das Museum der Zukunft aus.

Nicht zuletzt: Alle, die das Wort Zukunft in den Mund nehmen, kommen nicht an den Fridays for Future vorbei. Die Wirkung dieser Initiative „von unten“ hat auf ihre Weise bewiesen, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist.

Irgendwo zwischen den global wirksamen Schülerprotesten, neuer Technologie, bahnbrechender Architektur, Hobbykeller und Disco kommt uns ein Lichstrahl entgegen. Noch nie war die Zukunft von Museen spannender.